Das Selbstbewusstsein stärken – Deeskalation und Gewaltprävention in der Schulsozialarbeit

14.05.2018 | Wer kennt nicht die Tage, an denen einen alles aufregt: Die Frau, die vor einem so langsam fährt oder der Mann, der in der Bäckerei nicht weiß, welches Brot er nehmen soll. An anderen Tagen hingegen nimmt man diese Situationen gelassen. Der Unterschied liegt nicht in dem Verhalten des Gegenübers, sondern in der eigenen Gemütslage. Die eigene Stimmung erkennen sowie regulieren zu können, ist eine gute Voraussetzung, um es in angespannten Situationen nicht zur Eskalation kommen zu lassen. Genauso hilft, sich bewusst zu machen, dass auch der Gegenüber Beweggründe für sein Handeln hat, die man nicht erkennt.

Leitung Kooperation Jugendhilfe - Schule

Sonne Ince, Leitung Kooperation Jugendhilfe - Schule

Frau Sonne Ince, Leiterin der Schulsozialarbeit der DASI Berlin und ausgebildete Mediatorin, nennt dies den Eisbergeffekt: „Das menschliche Miteinander ist geprägt von sichtbaren und uns bewusst gewählten Faktoren, wie Worte oder Mimik. Diese bilden allerdings nur die Spitze des Eisbergs“. Unter der Oberfläche schwingen unbewusst und nicht sichtbare Faktoren mit, die die Handlung oft mehr prägen, als die gesprochenen Worte: Stimmungen, Beziehungen, kulturelle Prägung, etc. „Damit die eigenen Reaktionen und Überreaktionen besser gesteuert werden können, hilft es, sich diesen Eisberg immer wieder vor Augen zu führen“ sagt die Pädagogin.

Kind weint alleine

Den Eisberg erkennen: Was macht unser Verhalten mit dem Gegenüber - Kinder der Tagesgruppe ergründen Verhaltensweisen, die zum Mobbing führen und wie man diesen entgegen wirkt

Die Schüler*innen, die Frau Ince und ihre pädagogischen Fachkräfte, betreuen, haben es oft genau an diesem Punkt schwer. „Sie projizieren ihre eigene Stimmung in die Situation – fühlen sich provoziert, weil sie mit sich selbst nicht im Reinen sind. Sie erkennen ihren eigenen Eisberg nicht“, erklärt Sonne Ince. Im Fokus der Arbeit mit den Kindern stehen deshalb die Stärkung des Selbstbewusstseins und die Selbstregulierung. Das pädagogische Team versucht durch Deeskalation, die Kinder so früh wie möglich in ihren Konflikten aufzufangen. „Rechtzeitige Konfliktwahrnehmung ist wichtig“, sagt Frau Ince, denn „je länger eine Spannung zwischen zwei Kontrahenten schwebt, desto mehr verhärtet sie sich. Und die Chance den Konflikt ohne eine gefährdende Eskalation zu beenden, wird immer kleiner“. Die Pädagog*innen geben den Kindern in Konfliktsituationen daher eine klare, konkrete und neutrale Leitlinie vor, die ihnen aber auch deutlich macht: Wir nehmen Dich in Deinen Meinungen und Bedürfnissen ernst. Genauso sollen die Kinder den Gegenüber mit dessen Bedürfnissen wahrnehmen und anerkennen. Für das Team um Frau Ince ist klar: „Nur eine gemeinsame Lösung führt dazu, dass die eine Seite die Aggression nicht innerlich weiterträgt und so der Konflikt zu einem anderen Zeitpunkt erneut ausbricht.“

dajana jana

Dajana Ivanković und Jana Düring vom Projekt ad.lati an der Katharina-Heinroth-Grundschule

Ein weiteres wichtiges Thema für das pädagogische Team der Schulsozialarbeit ist die Gewaltprävention. Kinder mit einem stabilen Selbstvertrauen sind gut in der Lage, in einer Situation in der sie Gewalt erkennen, intervenierend einzugreifen. Das erkannten auch Dajana Ivanković und Jana Düring. Die zwei Jugendsozialarbeiterinnen betreuen das ad.lati-Projekt an der Berliner Katharina-Heinroth-Grundschule. Im Januar 2018 führten sie zusammen mit 15 Schüler*innen der 3. Klasse und einer Theaterpädagogin ein Gewaltpräventionsprojekt durch. Ziel war es, Erscheinungsformen von Gewalt zu identifizieren und darzustellen, die Kinder über ihre Rechte aufzuklären und dann zusammen mit ihnen durch Rollenspiele zu ertasten, welche Formen der Intervention gegen Gewalt es gibt. „Dabei haben wir den Fokus nicht nur auf die Reflektion eigener Aggressionen gelegt.“, erklärt Jana Düring, „Sondern uns war es wichtig, dass die Kinder ergründen, was hinter diesen liegt, wie sie ihre eigenen Grenzen wahrnehmen und achten können.“

grenzueberschreitung

Auch in der Tagesgruppe wurden Grenzüberschreitungen durch theaterpädagogische Instrumente erprobt

Bevor die beiden Pädagoginnen mit der gemeinsamen Arbeit begannen, bauten sie durch Vertrauensspiele den Zusammenhalt in der Gruppe aus. Sie merkten, dass die Schüler*innen erst durch die bessere Akzeptanz untereinander, sich mit dem Thema freier und produktiver auseinandersetzen konnten. Das Thema Superheld*innen gab den Schüler*innen dann den Rahmen, in dem sie sich selbstbewusst gegen aggressives und grenzüberschreitendes Verhalten ausprobieren konnten. Die Erfolge, die die beiden Sozialarbeiterinnen mit der Arbeitsgemeinschaft bisher erreichten, ermutigen sie das Thema Gewaltprävention auch weiterhin in den Fokus zu stellen und so ihre Schüler*innen zu stärken.

Dieses Antigewaltprojekt war nicht das einzige seiner Art an der Katharina-Heinroth-Grundschule. Die AG Diskriminierungskritische Schule, bei der sich auch die beiden DASI-Mitarbeiterinnen aktiv beteiligen, kooperiert mit dem bundesweiten Netzwerk Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage. Für die Ausgestaltung eines Projekttages in Kooperation mit dem selbstorganisierten Rom*nja Theater So Keres? zum Thema Rassismus gegen Rom*nja erhielt die AG im November 2017 den Mete-Ekşi-Preis. Dieser wird seit 26 Jahren in Erinnerung an den Schüler Mete Ekşi, der durch Folgen einer gewaltsamen Auseinandersetzung starb, an Berliner Jugendgruppen vergeben, die sich für gegenseitigen Respekt und gegen Rassismus einsetzen.

(lg)