Wenn Hilfe endet und Eigenständigkeit beginnt: Perspektiven von Careleaver*innen
Im Rahmen unserer internen Weiterbildungsreihe „Fachgespräche“ hatten wir im März Laura Monath vom Verein Careleaver e.V. eingeladen, um Einblicke in die Lebensrealitäten junger Menschen zu gewinnen, die die Jugendhilfe verlassen haben.
Careleaver*innen sind junge Menschen, die Erfahrungen in der stationären Jugendhilfe oder in Pflegefamilien haben und sich im Übergang in ein eigenständiges Leben befinden. Der aus dem englischen Sprachraum stammende und seit 2012 in Deutschland verwendete Begriff wird dabei auch unabhängig von dieser Übergangsphase als (Selbst-)Bezeichnung für Menschen mit stationärer Jugendhilfeerfahrung genutzt. Der Verein Careleaver e.V. versteht sich als Interessenvertretung und macht auf strukturelle Herausforderungen aufmerksam, denen Careleaver*innen in ihrem Alltag begegnen.
Der Austausch im Fachgespräch war geprägt von fundiertem fachlichem Input und zugleich von einer sehr persönlichen Perspektive auf das Thema „Leaving Care“. Besonders deutlich wurde dabei die Sicht der jungen Menschen selbst: Careleaver*innen sind dabei die „Expert*innen ihrer eigenen Erfahrung“. Dieser Perspektivenwechsel verdeutlicht nochmals, wie wichtig es ist, die Stimmen der jungen Menschen stärker in fachliche Diskurse einzubeziehen und Angebote konsequent an ihren tatsächlichen Bedarfen auszurichten.
Im Gespräch wurden zentrale Hürden innerhalb der Jugendhilfe ebenso thematisiert wie die der Übergänge in ein eigenständiges Leben. Dazu zählen unter anderem unzureichende Informationen über Rechte, erlebte Machtgefälle, Stigmatisierung sowie ein häufig als abrupt empfundener Übergang aus der Hilfe heraus. Auch die begrenzte Dauer von Unterstützungsleistungen und fehlende Nachbetreuung stellen für viele junge Menschen große Herausforderungen dar.
Besonders eindrücklich schilderte Laura Monath, wie die Zeit nach der Jugendhilfe auf junge Menschen wirkt: Viele Careleaver*innen sehen sich mit deutlich höheren Anforderungen konfrontiert als Gleichaltrige, etwa beim Übergang in Ausbildung, Studium oder eigene Wohnformen. Anders als bei anderen jungen Menschen wird von ihnen ein hohes Maß an Selbstständigkeit in allen Lebensbereichen erwartet. Das Unterstützungsnetz, das für viele junge Menschen in Form der eigenen Familie besteht, ist für Careleaver*innen häufig nicht vorhanden oder aus guten Gründen keine verlässliche Ressource. Viele Careleaver*innen müssen sich auch grundlegende Alltagskenntnisse, etwa das richtige Waschen von Wäsche, früh selbst aneignen. Teils fehlt es auch an sozialen Kreisen, etwa um Feiertage gemeinsam zu verbringen. Gleichzeitig ist das gesellschaftliche Bewusstsein für die Situation von Careleaver*innen bislang noch unzureichend ausgeprägt.
Das Fachgespräch hat gezeigt, wie wichtig eine gute Vorbereitung auf das Leben nach der Jugendhilfe für die jungen Menschen durch die Hilfesysteme ist. Junge Menschen und die Fachkräfte müssen über die Rechte der jungen Menschen informiert sein. Darüber hinaus braucht es bei den Fachkräften ein stetes Wissen zu weiterführenden Hilfen, Ombudsstellen und weitere Unterstützungsmöglichkeiten, wie z.B. Careleaver e.V., die an die jungen Menschen weitergegeben werden können.
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In unserer Veranstaltungsreihe „Fachgespräche“ lädt die DASI Berlin sechsmal im Jahr ihre Mitarbeitenden ein, sich zu einem zentralen Thema der Sozialen Arbeit auszutauschen und weiterzubilden. Dabei werden die Gespräche häufig durch externes Expert*innenwissen bereichert und bieten Raum für praxisnahe Diskussionen, neue Impulse und gemeinsames Lernen.