Ein Zimmer für uns – ein Projekt der Streitschlichtung bekommt seinen Raum
Frauke Lütgert von ad.lati Jugendsozialarbeit leitet in Kooperation mit einer Erzieherin aus dem Nachbarschaftsheim Schöneberg das Streitschlichtungsprojekt an der Nehring-Grundschule. Das Projekt ist ein Stück gelebte Gewaltprävention und Beteiligung im und am Schulalltag. Ein Ziel der Schüler*innen war es, einen eigenen Raum für Ihr Projekt zu erhalten – den sie mit viel Einsatz und guten Argumenten schließlich nunbeziehen konnten.
Zwei Jahre lang haben sich die Streitschlichter*innen an der Nehring-Grundschule in Berlin gemeinsam mit den zwei Projektleiterinnen dafür eingesetzt, einen festen Streitschlichter*innen-Raum zu bekommen. Für ihre Arbeit wünschten sie sich ein eigenes Büro als Rückzugsort und geschützten Raum für Gespräche in Konfliktsituationen. Dafür sammelten sie Argumente und erarbeiteten gemeinsam Strategien, um ihre Anliegen gegenüber der Schulleitung sichtbar zu machen. Für die Gruppe war es ein erfolgreicher Prozess, der sie auch darin stärkte, für ihre eigenen Interessen einzustehen.
„Das Streitschlichter-Projekt liegt uns sehr am Herzen“, erzählt die Schulleiterin Aina Lappalainen der Nehring-Grundschule. „Es hilft den Schüler*innen zu verstehen, wie man Konflikte bewältigt und miteinander umgeht.“ Darum war es für die Schulleiterin auch ganz klar, dass sie den Wunsch nach dem Projektraum erfüllen wollte. Das es dann doch ein bisschen gedauert hat, lag vor allem daran, dass der Raum erst einmal gefunden werden musste. „Wir sind aber mit den Kindern drangeblieben, so dass es am Ende dann doch geklappt hat“, erzählt Frauke Lütgert.
Das Projekt ist seit vielen Jahren ein fester Bestandteil des schulischen Zusammenlebens und der Gewaltprävention. Ursprünglich wurde das Konzept durch die Nehring-Grundschule und dem Nachbarschaftsheim Schöneberg im Rahmen der Ganztagsbetreuung eingeführt und später gemeinsam mit ad.lati Jugendsozialarbeit an der Schule weitergeführt. „Ich schätze besonders die Arbeit von Frauke Lütgert von der DASI Berlin, da sie sowohl die Schüler*innen als auch das Kollegium eng in die Ausbildung und Umsetzung einbezieht“, berichtet die Schulleitung weiter.
Im Zentrum des Projekts steht der sogenannte Peer-to-Peer-Ansatz: Schüler*innen unterstützen sich gegenseitig bei der Klärung von Konflikten und übernehmen Verantwortung für ein respektvolles Miteinander. Aktuell engagieren sich etwa 15 ausgebildete Streitschlichter*innen aus den Klassenstufen 5 und 6. Sie übernehmen regelmäßig Dienste auf dem Schulhof – erkennbar an ihren roten Kappen – und stehen Mitschüler*innen in Konfliktsituationen als Ansprechpersonen zur Verfügung oder sprechen Kinder aktiv an, um zu vermitteln. Häufige Konflikte entstehen beispielsweise rund um die Schaukel auf dem Schulhof, für deren Nutzung die Kinder gemeinsam Regeln entwickeln.
Die Ausbildung neuer Streitschlichter*innen dauert etwa ein halbes Jahr. In Gruppen von bis zu acht Kindern vermittelt Frauke Lütgert und Ihre Kollegin die Inhalte in mehreren aufeinander aufbauenden Phasen. Zunächst setzen sich die Kinder mit eigenen Konflikterfahrungen auseinander: Sie reflektieren Gefühle, Bedürfnisse und ihr Verhalten in schwierigen Situationen. Diese Selbstklärung bildet die Grundlage für ihre spätere Rolle.
Im zweiten Teil steht die Haltung als Streitschlichter*in im Mittelpunkt. Die Kinder lernen, als unparteiische Dritte zu agieren, und erproben dies in Rollenspielen. Dabei wird auch das Prinzip der Mediation vermittelt – von den Kindern als Suche nach einer Lösung beschrieben, mit der beide Seiten einverstanden sind. Sie üben, Aussagen zu strukturieren, Perspektiven zu erkennen und unterschiedliche Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche wahrzunehmen.
Ein wichtiger „Aha-Moment“ ist häufig die Erkenntnis, dass Perspektiven unterschiedlich sind und Gefühle nicht immer sichtbar werden. Veranschaulicht wird dies durch das Eisbergmodell, bei dem ein großer Teil der Konfliktdynamik „unter der Oberfläche“ liegt. Darauf aufbauend lernen die Kinder die einzelnen Mediationsphasen kennen, insbesondere die „Unterwasserphase“, in der deutlich wird, dass Gefühle und Bedürfnisse oft verborgen bleiben. Durch praktische Übungen werden die Inhalte gefestigt.
Am Ende der Ausbildung steht die offizielle Ernennung der Streitschlichter*innen: Sie werden von der Schulleitung ernannt, erhalten eine Urkunde und stellen sich dem Kollegium sowie den Schüler*innen in ihrer neuen Rolle vor.
Mit ihrer Ausbildung setzen sich die Kinder nun aktiv auf dem Schulhof und im Schulleben dafür ein, Konflikte friedlich zu lösen. Und auch mit ihrem neuen Raum geht es weiter: Sie wollen gemeinsam Regeln für die Nutzung entwickeln, ihn einrichten und überlegen, wie sie weitere Schüler*innen für das Projekt begeistern können. Die Unterstützung von Frauke Lütgert und der Schulleitung haben sie dabei sicher.
Mit ad.lati Jugendsozialarbeit bietet die DASI Berlin an drei Berliner Schulen Jugendsozialarbeit als Beratungs- und Unterstützungsangebot für Schüler*innen und ihre Eltern an. Die Kolleg*innen setzen sich dafür ein, dass alle Schüler*innen gut und gerne in die Schule kommen und begleiten sie in ihrer individuellen, sozialen und schulischen Entwicklung. Das Projekt der Streitschlichter*innen begleiten wir seit ein paar Jahren an der Nehring-Grundschule.